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Dolomiten-Rundfahrt PDF Drucken E-Mail
Marathon-Datenbank
Geschrieben von: Reinhard Wobst   
Dienstag, den 10. Mai 2011 um 15:10 Uhr
Sonntag, 20. Juni 1999
Veranstalter: Langlauf- und Radsportclub Lienzer Dolomiten
Plz./Ort: AUT Lienz
Strecke: 113 km ,
1250 hm
Streckencharakteristik: bergig

Wie mittlerweile jedes Jahr fand auch diesen Sommeranfang in Lienz die Dolomitenrundfahrt statt, nun schon die zwölfte. Von den Kennern 'echter Alpenmarathons' vielleicht wegen der geringeren Schwierigkeit geschmäht, ist es doch eine äußerst empfehlenswerte Veranstaltung. Von der Organisation her ist diese Tour den deutschen RTF eindeutig überlegen, und auch die Zeitnahme hat natürlich ihren Reiz, der bei unseren RTF streng verpönt ist.

Die Streckenlänge - 110 km offiziell, 113 km real - und die Höhenmeter - 1265 laut Grafik - lassen einen Vergleich mit Samson Man, Ötzi oder Dolomitenmarathon nicht zu. Es gibt aber viele Sportler, denen die genannten Großveranstaltungen eine Nummer zu schwer und vielleicht auch zu teuer sind. Für sie ist so etwas wie Lienz die Tour der Wahl. Und das waren dieses Jahr nicht weniger als 2200, von denen 1738 antraten (soviele Teilnehmer erscheinen in der Ergebnisliste, und es dürften praktisch alle Starter auch angekommen sein).

Wir fuhren am Samstag, den 19.6.99, zu viert mit den Rennrädern in einem VW-Transporter von Dresden aus los. Auf der Autobahn goß es immer wieder wie aus Kannen. Bei hinreichend verregnetem Wetter und Kälte kamen wir auf dem Falken-Camp in Lienz an und bauten die Zelte wenigstens im Trockenen auf. Ein kleiner Rennrad-Exkurs in Richtung Iselsberg bei etwas Sonne gab uns einen Vorgeschmack auf 9 %-Steigungen. Aber ja nicht überanstrengen. Am Abend konnten alle Startnummernbesitzer Kaiserschmarren kostenlos in praktisch unbegrenzter Menge aufnehmen, nebst Schrammelmusik in ebenfalls unbegrenzter Menge.

In der Nacht regnete es wieder ordentlich, wie es sich für einen Sommeranfang gehört. Doch wer die 65.-DM bezahlt hat, muß leiden. So bewegten wir uns mehr mechanisch in Richtung Start. Ich hatte offenbar wegen der langen und lauten Autofahrt starke Kopfschmerzen bekommen und diese nicht unterdrücken können. Mir war recht elend. Aber was solls. Das Wetter war es auch.

Eine angenehme Neuerung bei dieser Rundfahrt ist die Möglichkeit des Einzelstarts. Dazu hat die Startnummer zwei Barcode-Streifen zum Abreißen. Der eine wird beim Start gescannt, der andere am Ziel per Laptop und Laserscanner. Das verglich ich in Gedanken mit unseren RTF-Supercup-Gummistempeln (na gut, ohne Zeitnahme reicht das aus). Zwischen 8.00 und 9.15 konnte man so individuell starten, ab 10.00 durfte der 'Profi-Block' auf die Strecke, und in kurzen Abständen folgten der rennradfahrende Rest der Welt sowie anschließend die Mountainbiker. Das vermeidet Unfälle und Streß. 'Profi' heißt übrigens 'sportlicher Fahrer'. Ein solcher muß im Vorjahr eine Zeit unter 4 Stunden erreicht haben (reichlich 28 Schnitt). Die Zeitwertung lief bis 16.00.

Morgenstund hat manchmal nicht nur Gold im Mund, sondern spuckt auch kräftig Wasser aus diesem. Das störte nur an zweiter Stelle. Vor mir traten nämlich zwei Mountainbiker sehr kräftig in die Pedale, deren Tempo mir zusagte. Mit ihren Stollenreifen spritzten sie Fontänen auf mich. Erst nachdem wir Rennfahrer auflasen, besserte sich das etwas (für mich). So konnte ich die 19 km leicht abfallende Straße bis Oberdrauburg genießen.

Es folgte der erste etwas ernstere Anstieg zum Gailbergsattel - 350hm mit 8-9% durchgängiger Steigung auf Serpentinen, die sich angenehm fahren ließen. Nach einer ebenso kurvigen wie nassen Abfahrt bis Kötschach gab es die erste Verpflegungsstelle, an der ich leider fast nichts herunterbekam. Das war kein gutes Zeichen - ohne Essen läuft bei mir nichts. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Berge steckten tief in den Wolken.

Danach ging es etwas schärfer zur Sache, es gab auch mal auf wenigen 100 m Anstiege bis 12 %. Die Straße wand sich interessant nach oben, mit zahlreichen auf der Grafik nicht vermerkten kürzeren Abfahrten. Bei Kilometer 53 gab es in St. Lorenzen (1128m) eine große Verpflegungsstelle mit lauter leckeren Dingen, von denen ich leider fast nichts anrühren konnte. Ich steckte mir wenigstens einen Powerbar-Riegel ein.

Bei gutem Wetter muß das gesamte Tal sehr reizvoll sein, aber so wurde es mehr eine Fahrt für Freunde mit Sinn für die Schönheiten der näheren Umgebung. Insgesamt steigt man auf einer Strecke von reichlich 40 km bergan, meist mit 5% bis 12%, kurzzeitig auch mal 14 % (auf wenigen 10 m). Doch die Moral stieg trotz des Wetters und des rebellierenden Magens immer mehr: Dafür sorgten Trachten- und Feuerwehrkapellen nebst Unmassen von Zuschauern am Weg. Manche spielten Musikinstrumente, einer bot sogar Wein zur Verkostung an. Überall Beifall und Anfeuerungsrufe für jeden Fahrer. Es war einfach toll.

Nach der dritten Labestation in Obertillach (km 69, 1450 m) muß man nochmals etwas abfahren und wieder mit 8-9% ansteigen, bis man auf dem Karnischen Sattel ankommt, der sich als schöne, langgestreckte Wiese mit Tannenwald präsentiert. Danach folgt eine 8 km lange, meist 10-12% steile Abfahrt nach Tassenbach, auf der man über 500 hm verliert. Die letzten 30 km geht es, unterbrochen von kleinen Anstiegen, im wesentlichen abwärts bis Lienz. Leider blies uns dabei ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht. Mehr als 40 km/h, und das noch meist im Windschatten, waren nicht drin. Auch dieser Teil ist landschaftlich sehr schön, wie ich von früher her weiß. An der vierten und letzten Labestation bekam ich nur einen halben Becher Isostar herunter. Aber es lief schon besser.

In Lienz, das von Autos regelmäßig zugestopft ist, erlebte ich etwas Neues: Für jeden einzelnen Rennfahrer wurde dort jede Kreuzung sofort von der Gendarmerie freigemacht! Man konnte unbekümmert durchfahren, es war herrlich. Der Zieleinlauf war ein mehrere 100m langes Spalier mit Absperrgittern. Man wurde von vielen Helfern gestoppt und sogleich seines Ziel-Barcodes entledigt. Hunderte Zuschauer warteten auf dem Marktplatz auf die Rennfahrer. Meine Zeit war 4:43, mein Befinden inzwischen weitaus besser als dieses Ergebnis.

Nach absolvierter Fahrt gab es kostenloses Mittagessen und ein Getränk (für Abstinenzler auch etwas anderes als Bier). Die Prämie - eine Fahrradbrille im Werte von 800.- ATS, also etwa dem doppelten des gezahlten Startgelds (wir hatten als Verein 15% Rabatt), hatten wir schon am Vortag erhalten. Wer wollte, konnte im Stadtbad kostenlos duschen.

Dank des Einzelstarts konnte ich noch die Ankunft des Siegers mit ansehen, Igor Tavella aus Italien mit einer Fahrzeit von 2:56:54.6 (entsprechend 38.3 km/h Schnitt). Die Ergebnisse lagen in der nächsten Woche schon im Internet (www.dolomitensport.com). So erfuhr ich lange vor der Zusendung der Ergebnislisten meine Platzierung (1323. von 1738, mehr war auch nicht zu erwarten bei diesem Hungerast). Interessant, daß von den Angekommenen 493 Teilnehmer 45 Jahre und älter waren; mit meinem 326. Platz lag ich etwas besser - gerade noch im zweiten Drittel :-).

Beim abendlichen Stadtbummel fiel uns auf, daß in vielen Schaufenstern die Plakate der Rundfahrt hingen. Angesichts des allgemeinen Volksfestes und zahlreicher einzelner Veranstaltungen (Bergsprint, Präsentation von Radprofis) schien mir die Reklame nicht mehr übertrieben: Ganz Lienz steht an diesem Tag im Zeichen der Rundfahrt. Und die 45.-DM für einen Supercup wollen mir jetzt nicht mehr so recht einleuchten. Man ist in Österreich wohl findiger bei der Sponsorensuche.

Wir nutzen unseren Aufenthalt noch zu einem guten Mittagessen bei Dauerregen in Südtirol am Montag, einer traumhaft schönen Tour Toblach - Cortina - Misurina - Drei Zinnen - Toblach am Dienstag (wobei sich der Uralt-Block eines Mitfahrers zerlegte und er es gerade so zurück bis Toblach schaffte) sowie zu zweit, als qualvolle Krönung des Urlaubs, von Lienz aus die Glocknerstraße bis zum Hochtor und zrück, bei irrer Sonne und tiefem Schnee ab 2300 m Höhe (110 km, 2500 hm).

Für das nächste Jahr steht fest: Entweder wir sind wieder dabei, oder es passieren 'noch größere Dinge'.

Streckenkarte
Hoehenprofil
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